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Ostern und der Nan Tien Tempel

(Kar-)Freitag: Ich gehe einkaufen. Diesmal will ich einen Aldi aufsuchen (ja auch in Australien gibt es Aldi, Aldi Süd um genau zu sein) Vielleicht ist der ja noch etwas günstiger als der Woolworth. Ich finde den Aldi und bin zunächst begeistert – sieht quasi genau so aus wie in Deutschland, endlich mal Vertrautes 🙂 Doch die Produkte sind genau so unbekannt wie im Woolworth und die Preise auch nicht vieeel niedriger. Zum Teil ist es hier günstiger, ja, zum Teil aber auch sogar teurer. Hmm… Was mir dabei auffällt, ist, dass es hier quasi keine Fertigprodukte, Mikrowellennahrung oder „Maggi-Tüten“ gibt. Man muss hier tatsächlich kochen! 😉 In Frage kämen sonst wohl nur Tiefkühlpizza, die aber ja recht teurer ist, oder andere Tiefkühlprodukte, die aber alle aufgrund eines fehlenden Tiefkühlers im Hostel nicht in Frage kommen. Ich kaufe mir also ein paar Sachen, was ich die nächsten Tage kochen könnte und etwas billiges Fleisch und Aufback-Knoblauchbaguette für das Grillen morgen. Nach einem lustigen Nachmittag mit den anderen Hostelgästen will ich mir dann was zu Essen machen. Dann sehe ich, dass Steve mal wieder grillt. Als ich dazu stoße, wird mir sofort ein Teller mit einem Stück Fleisch, etwas gebratenem Speck, einem Spiegelei und zwei Bratwürsten angeboten. Äääh Steve – sollte das Grillen nicht erst morgen sein? Steve antwortet mit „gestern ist lange her, morgen wird nie kommen, also genieße den Tag heute“ und drückt mir den Teller in die Hand. Danke! Auf Nachfrage will er auch keine Gegenleistung dafür – er sagt ich bin Gast in Australien, also soll ich auch wie ein Gast behandelt werden. Vielleicht käme er ja mal nach Europa, dann könne ich ja für ihn grillen… Ok, das ist ein Deal 😉 Das ganze ist dieses Mal auch nur zäh wie Leder, aber immerhin noch nicht schwarz! Es wird besser 😉 Ich erfahre dabei außerdem, dass dieser Freitag „Good Friday“, also quasi „guter Freitag“ auf Englisch heißt und hier ein Feiertag im Sinne von Feiern ist und nicht im Sinne von Trauern wie in Europa. Interessant, so unterschiedlich sind Kulturen. Außerdem erfahre ich mehr über Steve (also den Hostel-Steve) – er ist selbst nur Gast im Hostel und wartet darauf, dass die Wohnung frei wird, die er sich in Wollongong gemietet hat. Er ist 60,5 Jahre alt und stammt ursprünglich gar nicht aus Australien, sondern aus Großbritannien, ist aber seit 1962 hier. Und er scheint im Bereich von Metallbau/Aluminiumwerke tätig gewesen zu sein, ist jetzt aber wohl in Frührente. Interessant ^^

Samstag: Ich war heute am Strand. Wollte das schöne Wetter genießen und evtl. schwimmen gehen, bevor das Wasser auf unter 20°C fällt. Dann wird es nämlich erst im November wieder wärmer als 20°C – da bin ich nicht mehr hier… Doch leider war es sehr windig, die Wellen sehr hoch und keine Sonne da, das macht nicht wirklich Lust und ist wohl auch sehr gefährlich. So war auch keiner in Badeklamotten da. Ein bisschen in kurzer Hose am Strand spazieren gehen und dabei die Füße ins Wasser halten war aber möglich. Wenn die Wellen auf einen zurollen, ist das schon beeindruckend, immerhin sind sie heute ca. 2m hoch! Kurz vor dem Strand werden sie aber kleiner, trotzdem erwischte eine Welle einen unvorsichtigen Besucher etwas neben mir und schwappte ihm bis zur Brust, ich konnte noch ein paar Schritte zurück gehen, so dass bei mir die Welle nur bis zu den Oberschenkeln ging. Dabei muss man aber gehörig aufpassen, nicht umzufallen. Das sind schon ordentliche Kräfte, die einem da gegen die Beine schwappen und einen dann zurück ins Meer ziehen…
Um 5 soll dann das Barbecue mit Steve beginnen, also bin ich rechtzeitig zurück. Doch erst einmal wird nur gequatscht, Meinungen ausgetauscht, über Unterschiede in den Kulturen der Länder diskutiert usw. Immerhin sind hier momentan Engländer, Australier, Niederländer, Deutsche, Franzosen, Süd-Afrikaner, Taiwanesen, Slowaken, Slowenen, Indonesier, Neuseeländer, US-Amerikaner und noch mehr. Besonders mit Ricardo aus den Niederlanden kann man viel Spaß haben 😉 Das Hostel mag zwar nicht sehr gut sein, aber der Austausch der Kulturen ist wahnsinnig spannend, es macht echt Spaß, nachmittags/abends mit den anderen im Hinterhof/Garten zu sitzen, über alle möglichen Themen zu reden und Spiele zu spielen… Als Steve mir einen anderen Deutschen vorstellen wollte, brachte dieser das treffend auf den Punkt: Ja, ist ja schön, aber ich bin nicht hier um Deutsche zu treffen… Recht hat er! Deutsche treffe ich genug zu Hause, hier bin ich, um Leute aus anderen Ländern kennen zu lernen! Daher bleibt die Sprache auch stets bei Englisch.
Gegen 7 geht es dann aber los mit dem Grillen. Das interessante: Eigentlich ist nichts anders als bei den Grillabenden davor. Steve grillt wieder einen riesigen Haufen Fleisch, der viel zu viel für ihn ist so dass er am Ende fleißig verteilt. Die angekündigten Salate hab ich irgendwie nicht entdecken können… Und von Steve’s übrig gebliebenem Fleisch nimmt am Ende keiner was, weil ja alle genug für sich selbst mitgebracht hatten – naja, so hat Steve noch genug für morgen 😉 Alle grillen ihr Fleisch auch selbst – es hat wohl keiner Lust auf die Kohlebriketts von Steve 😉

(Oster-)Sonntag: Ich war geocachen. Für alle, die das nicht kennen, eine Erklärung in ultra-Kurzform: In gewissem Sinne ist das eine Schnitzeljagd für Erwachsene. Für mehr Infos könnt ihr euch den Wikipedia-Artikel ja mal anschauen. Auch wenn das alleine meist ein verdammt langweiliges Hobby ist. Doch es führt einen an schöne Plätze an unbekannten Orten und selbst in der Heimat kann man manchmal vollkommen unbekannte neue Plätze entdecken. Also ziehe ich los und suche einen Geocache in der Nähe einer Klippe am Strand. Dabei stoße ich sofort auf zwei Australier aus Wollongong, die ebenfalls suchen. Man tut sich zusammen und sucht gemeinsam nach dem Cache und nach dem Fund ziehen wir gemeinsam weiter und suchen noch zwei weitere. Das mag ich am geocachen – neue Plätze/Orte kennen lernen, etwas „Schatzsuche“ dabei und dann noch neue Leute kennen lernen. Allerdings muss man hier etwas mehr Respekt beim Suchen haben. Während man in Deutschland sofort in jede erdenkliche Öffnung im Wurzelwerk seine Hand steckt, um nach einem Geocache zu suchen, sollte man hier lieber die Augen benutzen, bevor man ein Schlangenloch oder eine Spinne erwischt… Doch unauffällig und vorsichtig werden alle 3 Caches geborgen. Danach wird es langsam dunkel. So schön war es aber eh nicht, bewölkt und kühl. Aber nicht ganz so windig, so dass ich in der Ferne am Strand leute mit dem Surfbrett und beim Schwimmen sehen konnte. Die anderen beiden fahren nach Hause, ich suche noch alleine nach 2 weiteren Caches, aber im Dunkeln werde ich absolut nicht fündig und gehe zurück zum Hostel. Dort geschieht gerade eine vollkommen unerwartete Sache: Steve grillt! Wer hätte damit nur gerechnet? Da wohl einige neue Gäste aus den USA angekommen sind, die hier ja nun heute nichts zu essen kaufen konnten, bietet Steve auch allen an, für 5$ auch für sie mit zu grillen. Die neuen nehmen dankend an, ich habe noch die Hälfte vom Fleisch und ein Aufbackbaguette vom Abend vorher. Danach spielen wir Texas Hold’em (Poker), für mich das erste mal, was aber gleich in einem Sieg für mich endet. Dann wird Steve etwas nervig – er hatte wohl etwas zu viel Bier. Mir ist aber auch aufgefallen, dass er zwar nicht viel bzw. schnell trinkt, aber morgens früh schon damit anfängt und den ganzen Tag weitermacht… Das kann auch nicht nur gut und richtig sein… Außerdem schläft Steve nie. Wenn man abends ins Bett geht, ist er noch wach. Wenn man morgens aufsteht, ist er schon wach. Ricardo erzählt mir, dass er mit Steve auf einem Zimmer ist und Steve auch nachts um 3 und um 5 gelegentlich noch reinschaut, aber sein Bett fast überhaupt nicht braucht, manchmal für ein paar Stunden. Ich weiß nicht, wie ein Mensch das aushalten und dabei trotzdem noch einigermaßen fit sein kann, wenn man nur nachts mal 2-3 Stunden auf einem Sessel döst…. Ich könnte es nicht. Naja, ist ja seine Sache. Für morgen hat Steve uns angeboten, uns zum „Nan Tien“-Tempel zu führen. Das soll wohl der größte buddhistische Tempel der Südhalbkugel sein und liegt in Unanderra, einem Stadtteil oder Nebenort von Wollongong. Ich bin gespannt! Wir diskutieren, welchen Zug wir nehmen bzw. zu welcher Uhrzeit wir starten und einigen uns auf den Zug um 10.09 Uhr. Es soll ein Fußweg von 15 min. zum Bahnhof sein, also wollen wir 10.50 Uhr los. Ich werfe ein, dass wir vielleicht etwas früher los sollten, wenn wir mit 5-10 Leuten erst noch ein Ticket kaufen müssen. Daraufhin macht man sich über mich lustig, dass das Kaufen von Tickets doch keine 3 Monate dauere, dass man da einfach Geld einwirft und fertig ist das Ticket. Das sei wieder diese typisch deutsche Denkweise…

(Oster-)Montag: Nach einem Frühstück machen wir uns wie geplant um 10.50 Uhr auf den Weg und sind wie geplant nach 15 min. da – und damit 4 min. vor Abfahrt des Zuges. Ich kaufe mir schnell mein Ticket, dann ist der nächste dran, der allerdings mit Kreditkarte bezahlt. Und dann kommt auch schon der Zug. Von unseren acht Leuten haben also nur drei ein Ticket – Steve (fährt mit seinem Ausweis wohl irgendwie kostenlos), der eine Slowene und ich. Dann geht es schnell in den Zug…. Hm, Schwarzfahren kostet hier 200 Dollar, das will ich nicht bezahlen – ich habe aber ja auch ein Ticket. Die anderen machen sich nun über Steve lustig, dass ich gestern ja doch Recht gehabt habe mit dem Einplanen von Zeit für das Kaufen der Tickets. Manchmal sind wir Deutschen vielleicht doch gar nicht so doof 😉 Zum Glück kommt aber auf der kurzen Fahrt kein Kontrolleur. Wobei ich den Zug etwas komisch finde. Es gibt gegenüberliegende Bänke, die für vier bis sechs Personen Platz nebeneinander Platz bieten könnten. Nur die Beinfreiheit ist so knapp, dass da kaum einer hinpasst… Außerdem frage ich mich, wo die Familie Feuerstein sitzt. Bei der Geschwindigkeit, mit der der Zug fährt, kann man ja beinahe nebenherjoggen oder vorweglaufen. Jetzt verstehe ich auch, warum man teilweise 2,5 Stunden mit dem Zug bis Sydney braucht – eine gleich lange Strecke würde in Deutschland in unter 60 min. mit einer Regionalbahn und in 30 min. mit einem IC/ICE zu machen sein… Faszinierend fand ich auch den Fahrkartenautomaten. Statt wie in Deutschland sein Ziel über Tastatur oder Touchscreen auszuwählen, gibt es ein riesiges Feld mit Knöpfen, auf denen man jeden Bahnhof in ganz New South Wales findet. Ich stelle mir das gerade in Deutschland vor, da müsste man ja ganze Bahnhofswände mit Knöpfen tapezieren 😉
Dann kommen wir in Unanderra an, Steve erzählt mir, dass er erst noch seinen Bruder besuchen müsse und dann später nachkäme zum Tempel, wir sollen schon mal vorgehen, immer gerade aus, dann kämen wir in 20 min. an.
Am Tempel sind wir alle sehr beeindruckt! Das Ding ist riesig und überalls sind so gigantisch viele Details usw. Ist schwer zu beschreiben, ich würde sagen, ich lasse einfach mal die Bilder wirken. Wobei man an den beeindruckendsten Plätzen gar keine Bilder machen durfe, aus Rücksicht auf die Gläubigen, die gleichzeitig kommen und ihre Gebete vollführen.

Irgendwann taucht dann auch Steve am Tempel auf und erzählt, dass sein Bruder vor 2 Jahren gestorben sei, dass er aber normalerweise immer ein Bier mit ihm zusammen getrunken habe. Daher hat er auch jetzt ein Bier dabei und er würde es jetzt gerne mit Ricardo teilen. Das ist uns doch etwas suspekt. Ist mir vorher nicht direkt aufgefallen, aber nachdem mir gestern schon auffiel, dass er von morgens bis abends Bier trinkt und heute, dass er direkt nach der Zugfahrt „seinen Bruder besuchen will“ bzw. das als Ausrede benutzt, um neues Bier zu kaufen und dann – und das ist das allerschlimmste – mit einem Bier in den Tempel geht! Da darf man hier keine Mütze, keine Cappie und auch keine Schuhe tragen, aber Steve kommt mit einem Bier in einer braunen Papiertüte an. Tut mir Leid Steve, aber du bist gerade eindeutig in die Kategorie „Alkoholiker“ abgerutscht… Wir machen uns schnell auf den Weg weiter durch den Tempelbezirk und lassen Steve zurück. Einer der Jungs aus den USA beschwert sich auch noch: „Er hat noch die schlimmste aller englischen Eigenschaften behalten – keinen Respekt vor gar nichts, nicht mal vor dem Glauben!“ Muss ich ihm Recht geben, man kann einfach nicht mit einem Bier zum Tempel gehen. Auch nicht als Alkoholiker in Australien… Ricardo pflichtet bei: „Wenn er mit einem Bier in meine Kirche kommen würde, müsste ich mich zusammenreißen, ihm keine Backpfeife zu geben“

Das Wetter ist dafür um so schöner. Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich mich über meine lange Hose freuen oder ärgern soll. Nachteil ist, dass mir unglaublich warm ist. Vorteil ist, dass ich zumindest dort heute keinen Sonnenbrand bekomme 😉 Der Nacken musste glaube ich „dran glauben“…

Nachmittags wollen wir dann zurück zum Hostel. Es stellt sich heraus, dass Steve im falschen Zugplan geschaut hatte, und erst in 1 Std. der nächste Zug fährt – also ist warten am Bahnhof angesagt.

Zurück im Hostel spielen wir dann noch eine Runde Texas Hold’em. Diesmal muss ich mich aber als zweiter gegen die Slowenin „Janja“ geschlagen geben.

Und so geht Ostern hier zu Ende – ruhig, gemütlich und ohne großen Trubel feiert man also Ostern in Australien. Man hat eher Angst, dass man Ostern hier ganz vergisst, so normal läuft es ab 😉

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One Response to “Ostern und der Nan Tien Tempel”

  1. Wolfi sagt:

    Grüße aus der Heimat…..

    tolle Gegend…toller Blog!
    Bis bald Wolfi

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